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Guter Lehrer – schlechter Lehrer. Vom Scheitern und Aufstehen in der Matheförderung

Wer Schülern helfen möchte, die Mathematik zu entdecken und dabei merkt, dass diese riesige Wissenslücken haben, braucht Mut für Grundlagenarbeit, gute Nerven und die Zuversicht, dass sich der hohe Einsatz in der Förderung lohnt.

Auf dem Weg zu einem Konzert stand ich auf einmal völlig überrascht vor einem mir sehr wichtigen Gebäude. In der heutigen Industriebrache befand sich vor rund 20 Jahren eine sozialpädagogische Beratungsstelle für Schüler. Dort war ich damals als studentische Aushilfe dafür zuständig, Schüler in Mathematik zu unterstützen. Sie sollten den Hauptschulabschluss schaffen.

Am ersten Tag erschien ich hoch motiviert bei meiner neuen Arbeitsstelle. Ich war der festen Überzeugung: Einen besseren Matheerklärer als mich, hat die Welt noch nicht gesehen. Nun gut… :-)

Mein erster Schüler hieß Markus und er besuchte die 9. Klasse einer Förderschule. Mit ihm wollte ich in die Prozentrechnung einsteigen. Markus war sehr nett und aufmerksam. Er lächelte mich an und zeigte mir: „Du machst das gut.“ Zunehmend hatte ich jedoch den Eindruck: Der versteht überhaupt nicht, was ich ihm erkläre. Ich versuchte es deshalb mit einem leichteren Thema, der Bruchrechnung. Markus lächelte und nickte und … verstand wieder nichts. Mit zunehmender Hilflosigkeit pirschte ich mich immer weiter zu den Grundlagen vor, bis ich schließlich versuchte, gemeinsam mit meinem Schüler die Zweierreihe aufzusagen. Doch auch dieser Versuch scheiterte. Mein Selbstbild als guter Matheerklärer zerbröselte. Es folgten noch einige andere Schüler an jenem Tag. Ihre Kenntnisse waren ähnlich. Das Schlimmste für mich war: Ich fühlte mich völlig hilfslos. Ein solches Ausmaß an Matheproblemen kannte ich bislang nicht.

Dieser Tag war mein Einstieg in die Arbeit mit Menschen, die massive Matheprobleme haben. Ich fragte mich: Warum konnte ich diesen Schülern nicht helfen? Was sollte ich anders tun, um auch ihnen den Einstieg in die Mathematik zu ermöglichen?

Schülern aus sozialen Brennpunkten Bock auf Mathe zu machen ist eine besondere Herausforderung. Ihr Feedback war stets authentisch und plakativ und ich liebte sie dafür. Für mich war die Arbeit mit diesen Stimmungsseismographen eine harte, aber sehr lehrreiche Schule, die meine Arbeit bis zum heutigen Zeitpunkt bereichert.

Hier meine Quintessenz aus dieser Zeit.

Wer helfen will, muss zuhören können

Mir wurde klar, dass ich nur dann verstehe, was bei meinen Schülern schief läuft, wenn ich begreife, wie sie denken. Deshalb habe ich angefangen, sie sehr genau zu beobachten. Ich begann, Fragen zu ihren Lösungsansätzen zu stellen und aufmerksam zuzuhören, wenn sie mir antworteten. Ich lernte, die Lösungswege nicht zu bewerten, sondern sie als Feedback zu verstehen, und entwickelte unbändiges Interesse am Verstehen der Logik meiner Schüler.

Konzentration aufs Wichtigste, statt breiter Förderung

Meine Schüler waren mit dem Begreifen eines Themas meist völlig überfordert. Deshalb begann ich, Themen in ihre Bestandteile zu zerpflücken, und überprüfte systematisch, welche relevanten Grundlagen schon verstanden wurden. Ich knüpfte dann an dem an, was sie schon konnten, und versuchte, immer nur eine einzige neue Fertigkeit hinzuzufügen. So gelang es, die volle Aufmerksamkeit auf das Kennenlernen und Verstehen dieser einzelnen neuen Fertigkeit zu lenken. Das klappte viel besser, als das Erklären des gesamten Themas. Stück für Stück konnten wir so ganze Themenkomplexe erarbeiten, auch wenn wir zunächst einmal oft viele Schritte zurück gehen mussten. Viele Jugendliche erlebten dadurch erstmalig Erfolgserlebnisse in Mathe.

Klartext, statt Mathesprache

Nur wer ein Thema selber tief durchdrungen hat, ist in der Lage, anderen dieses Thema sehr einfach und mit simpelsten Mitteln verständlich zu machen. Ich entrümpelte meine Mathe-Erklärwelt und lernte Mathe simpel und präziser zu vermitteln. Dabei verabschiedete ich mich zunehmend von Fachvokabular, Definitionen und Formeln. Das echte Verstehen eines Themas wurde mir wichtiger, als die korrekte Anwendung der Fachtermini und Formeln. So konnten Zusammenhänge verschiedener Themen besser erkannt und verstanden werden. Später die Fachtermini zu lernen, wurde dann oft ein Klacks.

Machen schlägt Reden

Begreifen hat mit Anfassen können zu tun. Meine Schüler verstanden die Themen viel besser, wenn ich es schaffte, sie mit Gegenständen greifbar zu machen. Ich versuchte deshalb Geometrie, Brüche & Co mit Materialien verständlich zu machen. Textaufgaben wurden gespielt und es ging raus, um die Mathematik in unserer Umwelt zu suchen.

Nur wer vertraut, lässt sich lenken.

Jeder lernt dann am besten, wenn er sich wohl und sicher fühlt. Ein gutes vertrauensvolles Verhältnis zu meinen Schülern war ein wichtiger Schlüssel zu ihrem Einstieg in die Mathematik. Erst nachdem sie sich sicher waren, dass ich sie genau so, wie sie waren akzeptierte und mochte, waren sie in der Lage mit mir zu arbeiten. Sie lernten, darauf zu vertrauen, dass ich sie Stück für Stück zum Matheerfolg geleiten würde, auch wenn die Wege manchmal etwas verschlungen waren.

Auch heute profitieren die Schüler und Erwachsenen von meinen Erfahrungen aus dieser Anfangszeit.

Damit ich mich so entwickeln konnte, brauchte ich viel gestalterischen Freiraum. Ich arbeitete damals im Team mit einer Psychologin und einer Sozialarbeiterin. Diese beiden engsten Ansprechpartnerinnen vertrauten damals zum Glück mir und meinen Ideen. Ich bin Ihnen noch heute sehr dankbar dafür, da ich so die Chance hatte, neue Wege auszuprobieren.

Tags: Erfolg, Lehrer, Grundlagen, Matheprobleme, Textaufgaben

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